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Krieg und Frieden

Joseph Bendel

Als Psychologe richte ich mein Augenmerk erstens auf die aktuellen Kriegshandlungen in der Ukraine und zweitens auf Auseinandersetzungen im Umgang zwischen Personen und drittens auf die Spannungen und Konflikte innerhalb der eigenen Person.

Die Schriftstellerin Helga Schubert hat den Umgang mit Widersprüchen trefflich formuliert:

«Psychotherapie und Schreiben – das ist beides sehr reflektierend. Das sind beides Berufe, die Anti-Pathos sind und die Ambivalenz zulassen. Die es normal finden, dass man Widersprüche in sich hat und aushalten muss. Und dass es ganz unmöglich ist, dass jemand die Wahrheit gefressen hat.»

Das was sich im je eigenen Innenleben abspielt, ist ein uraltes Thema, mit dem sich bereits die «Wüstenväter» ab dem 3. Jahrhundert auseinandergesetzt haben. Sie haben sich allein oder mit andern mit ihrem Innenleben beschäftigt und die Suche nach Gott, dem Urgrund zu ergründen versucht. Ähnliches geschieht heute, wenn ich allein im Goms sitze und mich mit meinen Gedanken, den schwankenden Befindlichkeiten, meinen Wünschen und Abneigungen auseinandersetze. Dem sage ich: leben mit dem «Inneren Kasperlitheater». So wie die holzgeschnitzten Charakterköpfe verschiedene Aspekte des Lebens verkörpern, leben unterschiedlichste Erwartungen, Wünsche, Abneigungen usw in uns selber. Die grosse Frage ist, wie wir mit den Gegensätzen umgehen. In der Fachsprache heisst diese Spannung «Ambiguität» = Mehrdeutigkeit. Es bedeutet die Fähigkeit «Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können.» Denn die Fähigkeit des optimalen Umgangs mit dieser Spannung ist die Grundlage für Frieden. Alle Aspekte haben ihre Berechtigung und machen Sinn.

Alles gehört zu mir, zu meiner Ganzheit. Die Frage bleibt: wie gehe ich mit den verschiedensten Ansprüchen um – damit Friede möglich ist. Friede in mir, Friede in Beziehungen, Friede in Gemeinden und Staat und zwischen Staaten.

Niemand «hat die Wahrheit mit Löffeln gefressen». Niemand kann behaupten, ein Standpunkt, seine Optik sei die einzig richtige. Erst das Ernstnehmen eigener wie anderer Aspekte macht ein halbwegs friedliches Zusammenleben möglich und damit Frieden.

© Joseph Bendel 2016 - Webmaster Karin Angele